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Europa will sich nach langen blutigen Fehden auf das kollektive
Gedächtnis berufen, transnationale Werte- und Traditionsgemeinschaft
aus individuellen Freiheitsrechten und parlamentarischer Demokratie
sollen entdeckt werden.
Doch diese europäische Idee bleibt bis dato blässlich,
der besondere Gemeinschaftsgeist ist bisher schwer herzustellen
und die regionalen Interessen sind mehr Hypotheken als Bindungsmasse.
Momentan ist die EU zuallererst ein wirtschaftliches Zweckbündnis
und ein bisschen kulturell-kulinarische Erlebnisgesellschaft und
- Abgrenzung ist immerhin eine europäische Tradition - es geht
sehr oft nicht um das für was, sondern um das gegen
was und wen: Stichwort Festung Europa.
Heute als Einstieg einen kleinen Grundkurs für die Basisfakten
der 10 Neuen.
Am 9. Oktober 2002 gab die EU-Kommission in ihrem Erweiterungsbericht
grünes Licht für 10 neue EU-Mitgliedsländer. Estland,
Lettland, Litauen, die Inselstaaten Malta und Zypern, sowie Polen,
Slowenien, die Slowakei, Tschechien und Ungarn dürfen nun im
EU-Reigen mittanzen.
Die weiteren Kandidaten Rumänien und Bulgarien sollen 2007
folgen - die Türkei bleibt noch außen vor und bewegt
sich in einer ominösen Warteschleife.
Den zehn akzeptierten Ländern wurde durch die EU-Kommission
bescheinigt, sich
wirtschaftlich und politisch der Europäischen Union ausreichend
angepasst, sowie die Rechtsvorschriften weitestgehend übernommen
zu haben. Vorlage dafür waren die sogenannten Kopenhagener
Kriterien.
Am 16. April 2003 haben die Staats- und Regierungschefs der 15
alten Mitgliedsstaaten zusammen mit denen der 10 Neuen in Athen
die Beitrittsverträge unterzeichnet. Ab 1. Mai 2004 sollen
sie nun Vollmitglieder werden.
In Brüssel laufen die Umstellungsaktivitäten schon auf
Hochtouren. Hunderte DiplomatInnen und Abgeordnete aus den Beitrittsstaaten
sind bereits angekommen, Tausende werden folgen - heftiges Stühlerücken,
hektische Büroumverteilungungen, neue Sitzungskonzeptionierungen...
Händeringend werden Dolmetscherinnen gesucht. Beste Jobaussichten
bestehen für ExpertInnen, die neben Maltesisch und Lettisch
auch noch Deutsch oder Griechisch beherrschen.
Entspannung bringt lediglich ein Häuflein polnischer Beobachter.
Fünf EU-Skeptiker in der 54-köpfigen Delegation aus Warschau
erklärten ihren Boykott. Ihr Wortführer, der Chef der
Bauernpartei, Andrzej Lepper, kündigte an, seine Bewegung wolle
die Bedingungen der polnischen EU-Mitgliedschaft erst neu aushandeln.
Bis dahin stehen die fünf Stühle der Genossen im Parlament
leer.
Das Gehaltsgefälle ist so groß wie das wirtschaftliche
der verschiedenen Heimatländer. Eine deutsche EU-Abgeordnete
bezieht monatlich 7000 Euro, ihre polnische Kollegin muss mit einer
Entlohnung von 560 Euro vorlieb nehmen.
Von offizieller Seite dieser zehn Länder gibt es beglückte
Gemüter zum Trubel und den Konsequenzen, die der Beitritt mit
sich zieht. Auf Seiten der Bevölkerung sieht dies oft anders
aus. In den meisten der zehn Länder wurde oder wird noch in
diesem Jahr ein Referendum angesetzt, um die Zustimmung der Bevölkerung
und damit die Vertragsratifizierung zu klären.
Viele haben die Befürchtung, die Lebenshaltungskosten würden
rapide ansteigen, der Wettbewerb mit Ländern wie Frankreich
und der BRD einem schnell den Garaus machen, die eigene Kultur von
den Mächtigen in der EU überrollt und die Entscheidungsgewalt
beschnitten werden.
Sie prognostizieren, die EU wird ein Zwei- oder Dreiklassenbund
mit den wirtschaftlich und historischen "Erstländern",
die die anderen z.B. immer wieder auf ihr späteres Dazustoßen
und ihre ökonomische Abhängigkeit hinweisen bzw. sie gängeln
werden.
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