Magazin - 20.08.03
Graz: europäische Kulturhauptstadt
Die europäische Kulturhauptstadt -
Kultur mit Kanten oder Klamauk mit viel Kohle?
Heute dreht sich im Magazin alles um die europäische Kulturhauptstadt. Wie wird überhaupt eine Kulturhauptstadt ausgewählt?

Dann natürlich ein Focus auf die aktuelle Kulturhauptstadt 2003 - und das ist Graz in Österreich. Zu Graz gibt es Wissenswertes in Interviews mit der Leiterin der Pressestelle für das Projektbüro Graz 03, die einiges über die geplanten Veranstaltungen erzählen wird, dem Chefredakteur der Grazer Strassenzeitung Megaphon, der im Sommer eine Fußballweltmeisterschaft der Obdachlosenverbände organisiert und dem bekanntesten KPÖ Stadtrat Österreichs - Ernst Kaltenegger .
Dazu eine Vorschau auf künftige Kulturhauptstädte und ein Bericht über die Aktionsgruppe AFKU "Fürth - unsere Kulturhauptstadt 2010".


Wahl der europäischen Kulturhauptstädte

Melina Mercouri, die griechische Künstlerin und Kulturministerin schlug 1985 vor, den Titel einer europäischen Kulturhauptstadt jährlich zu vergeben. Athen wurde dann - gar nicht abwegig - 1985 zur ersten Kulturhauptstadt ernannt.

Die Regierungen der EU-Staaten sollten anfangs gemeinsam mit dem Ministerrat die Städte aussuchen. Diese Regelung gilt bis zur Auswahl im Jahre 2004 - danach tritt eine Neuregelung in Kraft. Nämlich, dass auch das EU-Parlament, der Ausschuss der Regionen und die Kommission an der Entscheidung beteiligt werden. Bis 2004 durften und dürfen sich auch gegebenenfalls zwei Städte den Status einer Kulturhauptstadt teilen - wie z.B. 2002 Salamanca und Brügge, danach wird nur eine Stadt sich an dem Titel weiden dürfen.

Dazu kommt ab 2005 ein festes Rotationsprinzip - jedes Jahr hat nur ein EU-Land das Recht, mehrere seiner Städte vorzuschlagen. Ein siebenköpfiges Gremium aus EU Parlament, Rat, Kommission und Ausschuss der Regionen sichtet die Bewerbungen und erwählt daraus die Kulturhauptstadt Europas. Die Rotation ist bis 2019 allerdings schon festgelegt und endet mit Italien. Die Beitrittsländer müssen sich also noch 16 Jahre gedulden, um zum Zug zu kommen und von den Touristenströmen zu profitieren, die jedes Jahr auf eine Kulturhauptstadt zurollen.

Finanzielle Unterstützung beziehen die Kulturhauptstädte aus einem EU Förderprogramm. Beantragt werden dürfen allerdings nur Projekt - und keine Investitionsgelder.


Europäische Kulturhauptstadt Graz

Graz ist die aktuelle und konkurrenzlose, da alleinige Kulturhauptstadt 2003 und viele Fördergelder wurden beantragt und ausgegeben. Natürlich hat auch Graz selbst tief in die Tasche gegriffen, um ein hochtrabendes und sicher auch ambitioniertes Programm aufzustellen und ein wenig aus dem Schatten zu treten. Graz - die heimliche Liebe Österreichs ist das nicht ganz selbstironische Synonym bis dato gewesen.

"Bis jetzt wußten nicht einmal die Österreicher genau, wo Graz liegt" sagte der österreichische Schriftsteller Gruber im Vorfeld der Ernennung.


Ein paar Fakten

Graz ist mit an die 250.000 EinwohnerInnen die zweitgrößte Stadt Österreichs. Die Infrastruktur wurde und wird stark bestimmt von dem Fluß Mur, der Graz in zwei Hälften teilt - am Ostufer die Postkartenidylle und Nobelviertel, am Westufer die ärmeren Wohngegenden.


Grazer Altstadt ist Weltkulturerbe

1999 wurde die Altstadt von Graz von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt. Alle kunsthistorischen Epochen von Romanik über Gotik, Renaissance, Barock, Klassizismus und Historismus bis zum Jugendstil sind in der Altstadt versammelt. Oftmals überlagern sich die Stile in einem einzigen Gebäude. Im Jahre 1619 büßte die Stadt ihren Status als innerösterreichische Residenz der Habsburger ein und musste sich mit dem Titel einer Landeshauptstadt, heute der Steiermark, begnügen.

Die politische Degradierung von Graz wirkte bei den Bauten konservierend: Man war nicht mehr so wohlhabend und musste sich daher in architektonischem Flickwerk üben. 1809 ließ Napoleon die Festung auf dem Schlossberg schleifen - verschont hat er dabei einen großen Uhrturm aus der Zeit der Renaissance, das Wahrzeichen von Graz.


Neubauten

Baulich hat sich Graz mit und seit der Ernennung kräftig verändert. Stararchitekten wie der New Yorker Acconci oder die Engländer Cook und Fournier wurden angeheuert, um Prestigebauten zu verwirklichen. Dazu gehören v.a. das sogenannte Friendly Alien, das künftige Grazer Kunsthaus, das im September fertiggestellt werden soll. 20 Jahre zogen sich die Diskussionen in Graz um dieses Projekt - von den Einheimischen wird der teure Bau respektlos als Blaue Blase tituliert. In der Mur ist eine Insel aus Stahl und Acryl entstanden mit Bühne , Cafe und Kinderspielplatz und besagter Uhrturm hat einen stählernen Zwillingsbau erhalten.


Spezialitäten

Und - ach ja, die Grazer Spezialitäten sind das Backhenderl, Wurzelfleisch oder das Schlachtgericht Blutomerl.


Bürgerwehr in Graz

Grazer Bürgermeister ist seit knapp 20 Jahren der SPÖler Alfred Stingl. Die FPÖ hat im Stadtrat leider auch ihre Finger im Spiel und nicht nur da. 2002 installierten sie eine Bürgerwehr für Schutz und Sicherheit der Grazer Bürger. Haupt-Initiator dabei: der FPÖ Gemeinderat Helge Endres, der auch in einem Verein von Veteranen der ehemaligen Waffen-SS organisiert ist. Als erstes zu bewachendes Schutzobjekt wählte sich diese Bürgerwehr das Grazer GIBS Gymnasium aus - die SchülerInnen machten der Aktion aber ein schnelles Ende. Darauffolgende Aktionen im Stadtpark wurden zwar ebenfalls von der Grazer Bevölkerung gestoppt, jedoch existiert diese Bürgerwehr bis heute.


Phänomen Ernst Kaltenegger, KPÖ-Stadtradt in Graz

Stadtrat Graz, das heißt für viele Phänomen Ernst Kaltenegger, Mitglied der KPÖ und seit 1998 Stadtrat in Graz. Während die Kommunistische Partei Österreichs in vielen Bezirken, auch in der Hauptstadt eine schwere Schlappe hinnehmen musste, erreichte Kaltenegger in Graz 21 % der Stimmen. Kalteneggers Motto lautet: Helfen statt Reden und so spendet er fast zwei Drittel seines Nettogehaltes für soziale Projekte.

V.a. Alleinerziehende, MindestpensionistInnen und kinderreiche Familien profitieren von seinen Spenden. Alte Wohnungen werden saniert, Rechtshilfen und Unterstützung für den Lebensbedarf in Notlagen gegeben. Jeweils zum Jahresende legt Kaltenegger die Verwendung seines Politikerbezuges offen.

Wie waren die Reaktionen Kalteneggers bei der Benennung von Graz zur Kulturhauptstadt.

Interview


Kultur in Graz

In Sachen Kultur machte Graz mit den Musikfestspielen styriarte, dem Avantgarde-Festival Steirischer Herbst und dem jährlichen österreichischen Filmfest Diagonale von sich reden.

Der Veranstaltungsreigen für 2003 ist ins Unermessliche angestiegen. Herr Kaltenegger meinte zwar, dass der Aspekt der Arbeiterschaft gänzlich fehlen würde, aber schauen wir mal, was in Graz sonst so geboten ist. Mehr dazu weiß Frau Bader, Leiterin der Pressestelle des Projektbüros Graz 2003 ...

Interview


Fußballweltmeisterschaft der Obdachlosenverbände 2003

Eine Veranstaltung im Rahmen Graz 03 ist eine Fußballweltmeisterschaft der Obdachlosenverbände, die vom 6-13. Juli in Graz ausgetragen werden soll. Dazu ein Organisator, Herrmann Schmied - Redakteur der Grazer Strassenzeitung Megaphon. Er erzählt mehr darüber, wie die Idee zu dieser Pionierveranstaltung entsponnen wurde, warum die österreichische Mannschaft tollerweise aus 8 Nigerianern besteht und welche der 20 international beteiligten Mannschaften als heimliche Favoriten gelten.

Interview


Zukünftige europäische Kulturhauptstädte

Europäische Kulturhauptstadt 2004 werden die nordfranzösische Stadt Lille und das italienische Genua. Für 2005 wurde das nordirische Cork als erste Kulturhauptstadt nach dem neuen Verfahren benannt.


AKFU Aktionsbündnis Fürth - unsere Kulturhauptstadt 2010

2010 ist Deutschland am Zuge, Städte vorzuschlagen. Im Antragsreigen hat sich auch Fürth eingefunden. Fürth - unsere Kulturhauptstadt 2010 - abgekürzt AFKU - heißt das Aktionsbündnis und Herr Schwarz erzählte uns mehr dazu.

Interview

Startseite
Themenverzeichnis
Länderübersicht
Alle Sendungen
Nachrichtenarchiv
Links
 

Audiobeiträge

Wally Geyermann sprach mit:


Ernst Kaltenegger, Mitglied der KPÖ und seit 1998 Stadtrat in Graz über seine Reaktionen bei der Benennung von Graz zur Kulturhauptstadt

mp3-stream real-stream mp3-download

und mit
Frau Bader - Leiterin der Pressestelle des Projektbüros Graz 2003 zum Veranstaltungsreigen

mp3-stream real-stream mp3-download

und mit
Herrmann Schmied - Redakteur der Grazer Strassenzeitung Megaphon über die Fußballweltmeisterschaft der Obdachlosenverbände im Juli 2003 in Graz

mp3-stream real-stream mp3-download

und mit
Herrn Schwarz vom AKFU: "Aktionsbündnis Fürth - unsere Kulturhauptstadt 2010" über die Fürther Berwerbung

mp3-stream real-stream mp3-download