Magazin - 05.11.2003
Deutsche Printmedien und die EU-Erweiterung
Die "Rückständigkeit" der neuen Länder

Das Zentrum für Europa- und Nordamerika-Studien ZENS hat einen Sammelband mit dem Titel "EU-Beitritt. Verheißung oder Bedrohung?" herausgebracht.

Ein Interview mit Stefan Lessenich, der einen Beitrag zum schmerzhaften Transformationsprozess der Ostbeitrittsländer in diesem Sammelband verfasst hat, konntet Ihr beim Europakanal bereits hören.

Zu einem Beitrag von Holger Münch hört Ihr heute mehr.
Holger Münch untersuchte die Berichterstattung der deutschen Printmedien zur Erweiterung der EU, die in Wort und Bild verstärkt die sogenannte "Rückständigkeit" der neuen Länder und die Problematiken dort beschwören.

Der Bau eines "gemeinsamen EU Hauses" war immer Sache der politischen Eliten, der Unternehmer und Banker. Als Rechts- und Wirtschaftsraum ist die EU wohl ein Erfolgsmodell, genauso wie als Festung Europaund aufstrebende Militärmacht. Mit der Popularität innerhalb der deutschen Bevölkerung ist es hingegen nicht allzu weit her, vor allem nicht wenn es um die Akzeptanz der neuen EU-Länder geht. Die tschechische Republik und Ungarn werden zwar wegen diverser Urlaubsfahrten Prag - aha - und Budapest - oh - und Gourmeterlebnisse halb wohlwollend, halb gnädig akzeptiert. Slowenien ist durch seinen Nettozahlerstatus aus der Krittelzone heraus. Malta ist schön und sonnig und hat ja so nette, distinguierte Einwohner wegen der britischen Kolonialzeit. Zypern ist zu weit weg und kein Mensch hat Ahnung über Zypern, also wird auch nicht über Zypern geschimpft. Aber wehe es kommt die Rede auf die Länder Estland, Lettland, Litauen, Polen und die Slowakei. Ganz abgesehen von Ländern wie Rumänien, Bulgarien, Serbien oder Montenegro, die sich brav an der EU Warteschlange angestellt haben.

Drogen, Autodiebe, Ostbanden tönt es dann. Chaos und ökonomische Schwäche werden assoziiert und graue postsozialistische Alltagstristesse heraufbeschworen.

Diese populistischen Wertigkeiten sind aber nicht nur an den Stammtischen gang und gäbe. Auch die deutschen Printmedien bauen ein vorurteilsbehaftetes Szenario auf, wie die Untersuchung von Holger Münch zeigt. Die positive Darstellung der Länder im Osten bleibt laut Münch, oftmals PublizistInnen aus den Beitrittsstaaten überlassen. Auffallend sei, dass man in den deutschen Printmedien damit beschäftigt ist, "gegen Vorurteile anzuargumentieren, um Vorbehalte zu neutralisieren. Für eine positive Vision darüber hinaus fehlt offenbar die Energie."

Die Beiträge in dem ZENS Sammelband sind vielfältig. So behandelt die polnische Autorin Joanna Regulska den großen Einfluss, den die katholische Seite Polens auf die Verhandlungsführung bezüglich der Frauenrechte hatte. Die Kirche habe ihre Zustimmung zur EU-Integration von der Haltung der Regierung zur Abtreibungsfrage abhängig gemacht. Die EU setze in ihrer Gleichstellungspolitik doppelte Standards, lautet der Vorwurf der Autorin.

Ein Beitrag von Jürgen Dieringer weist darauf hin, dass die Regionalpolitik der EU zentralistisch organisierten Staaten die Übernahme einer föderalen Struktur aufzwinge. Politisch-administrative Traditionen des Landes spielten keine Rolle, was er am Beispiel Ungarns ausführt.

Und nochmals: Der lesenswerte Sammelband trägt den Titel "EU-Beitritt. Verheißung oder Bedrohung?" ist knapp 300 Seiten stark, Herausgeber ist das ZENS und erschienen ist der Band bei Leske & Budrich.

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Audiobeiträge

Holger Münch untersuchte die Berichterstattung deutscher Printmedien zur EU-Erweiterung. Mit ihm sprach Wally Geyermann

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