Schwerpunkt - 19.11.2003
Das Organisationsteam für das Europäische Sozialforum
Attac am Scheideweg

Das 2. Europäische Sozialforum markierte eine Wende innerhalb der Bewegung: Wer die Welt der etablierten, am "Kapital" orientierten Polit-Strukturen verändern will, muss sich ihr nähern so meinen viele, doch die Gegenseite warnt davor, den eigenen Charakter zu verlieren.

Die Macht der Altermondialisten, wie sich die Bewegung in Frankreich nennt ist anerkannt, Die Grundforderung von Attac nach einer Kapitalbesteuerung, der Tobinsteuer, längst von der etablierten Politik übernommen.

Kurz vor der Eröffnung des Forums hat sie noch Frankreichs Staatspräsident Jaques Chirac eingeklagt. Die etablierten Parteien in Frankreich buhlen mehr oder minder geschickt um die Gunst der Bewegung. Die vormals in Frankreich regierenden Linksparteien - Sozialdemokraten, Sozialisten, Grüne und KP - waren bemüht eine möglichst starke Präsenz auf dem Sozialforum zu zeigen.

Auch Bernard Cassen war allgegenwärtig. Zwar hat er den Chefposten der Attac-Organisation im vergangenen Jahr aufgegeben. Doch ist er immer noch eine Art Klammer für die äußerst heterogene und vielschichtige Gruppe der GlobalisierungskritikerInnen, zu der neben Kommunisten und Sozialisten auch Friedensbewegte, Umweltorganisationen, kirchliche Gruppen, Gewerkschaften und Konservative zählen - Menschen, die sich einig sind, in ihrer Ablehnung gegen die "Vormacht des Liberalismus" und gegen die "Herrschaft des Kapitalismus", nicht aber in den Zielen.

Cassen lehnt eine Festlegung der Bewegung auf die Linke ab, will "die Türen der Bewegung für alle Gruppen weit offen halten" und ihre soziale Basis erweitern:

"Wir müssen unsere Basis verbreitern. Trotz der Erfolge, die wir jetzt schon haben, kommen wir nicht umhin, uns zu fragen, ob die bisherigen Formen des Kampfes die besten sind, und wie es weitergehen soll mit unseren Bemühungen um die Einflussnahme auf die öffentliche Meinung. Sind die bestehenden Parteien dazu noch in der Lage oder sollte man nicht besser eine oder mehrere neue politische Formationen bilden? Wir sind überzeugt, dass eine andere Welt möglich ist, aber wir wissen noch nicht, wie wir dorthin gelangen können."

Eigentlich sollte und wollte Wally Geyermann Bernard Cassen interviewen, aber er ist zu beschäftigt. Daher ein Statement dazu von Ian Warthin, Mitarbeiter von Bernard Cassen und auch Mitglied im Organisationsteam für das Europäische Sozialforum.

Die Bewegung steht vor der Frage, ob sie von einer Protestbewegung zu einer politischen werden soll. Bernard Pinaud, einer der Organisatoren des Sozialforums, formulierte: "Wir wollen lieber eine starke Bewegung ohne politische Erfolge als politische Erfolge ohne starke Bewegung". Das Risiko ist zu groß schnell zu versickern in etablierten Strukturen, die dann in wohlwollenden Beilagen der Wirtschaftspresse von Financial Times bis Les Echos analysiert werden. Welche Hegemonie in der politischen Richtung sich nun herausschält bleibt mit Spannung abzuwarten.

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Mit Ian Warthin, Mitglied im Organisationsteam für das Europäische Sozialforum, sprach Wally Geyermann

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