Schwerpunkt - 19.11.2003
Das zweite Europäische Sozialforum
Ein Rückblick

Am Anfang stand der Gedanke, dass es einen neuen weltweiten Zyklus gesellschaftlicher Mobilisierungen und sozialer Kämpfe sowie eine Neuauflage der Kritik an der Funktionsweise weltwirtschaftlicher Strukturen gebe. Vielfach war damals von einem neuen Internationalismus die Rede. Vom alten parteikommunistischer Prägung unterscheide diesen, dass er über keinerlei internationales Zentrum verfüge. Auch beziehe er sich nicht mehr auf Nationalbewegungen und die Neugründung von Staaten, wie der Antiimperialismus während der Ära der Entkolonialisierung in Afrika und Asien. Sein Subjekt seien vielmehr gesellschaftliche Basisbewegungen, Gewerkschaften, aber auch NGOs - und Netzwerke alternativer WirtschaftswissenschaftlerInnen.

Die spektakuläre Blockade eines Gipfeltreffens der Welthandelsorganisation WTO in Seattle im Dezember 1999 bildete einen ersten Höhepunkt dieser neuen Bewegung, der schnell der gemeinsame Meltingtopf mit dem Namen GlobalisierungskritikerInnen übergestülpt wurde. Doch um zu vermeiden, dass man sich stets an der Agenda der Gegenseite abarbeitet und wie ein Tross den Versammlungen der Mächtigen dieser Welt hinterher zieht, sollte die "Bewegung der Bewegungen" nunmehr ihren eigenen Termin- und Themenkalender vorgeben.

Eingeweiht wurde diese Idee mit dem ersten Weltsozialforum in Porto Alegre, das ungefähr parallel zum World Economic Forum im schweizerischen Davos stattfand. Diesem folgte geradezu organisch ein Europäisches Sozialforum, das zum ersten Mal 2002 in Florenz und dieses Jahr in Paris abgehalten wurde

Aus dem Slogan "Eine andere Welt ist möglich" wurde "Ein anderes Europa ist möglich!" formuliert.

Rund 100.000 BesucherInnen waren angereist, um in Paris an den Debatten teilzunehmen und für ihre Vorstellungen von einer gerechteren Welt zu demonstrieren.

Insgesamt fanden von Donnerstag bis Samstagmittag 55 Plenarsitzungen statt, sowie über 250 Seminare - die beim ESF angemeldet und mit ÜbersetzerInnen ausgestattet waren - und noch mal so viele Workshops, die von einzelnen Gruppen in Eigenverantwortung ausgerichtet wurden.

Krieg, Neoliberalismus, Vermarktung und marchandisation ("Zur-Ware-Machen") von immer mehr gesellschaftlichen Bereichen gehörten zu den wichtigsten Themen gehören.

Über den Kampf gegen Rechtsextremismus und Rassismus konnte ebenso diskutiert werden wie über soziale Bewegungen im Maghreb oder die Rolle europäischer Wirtschaftsinteressen und Waffenexporte in Lateinamerika. Feministische Themen waren in einer europaweiten Versammlung zu den Rechten der Frauen ebenso vertreten, wie ein großer Pool für die Ökologie.

Wesentliches Thema zahlreicher Veranstaltungen war die "Europäische Verfassung". Das vom ehemaligen französischen Präsidenten François Giscard dEstaing entwickelte Papier lehnte das Forum einmütig ab, da es den Wirtschaftsliberalismus für die EU langfristig festschreibe. Die Angriffe auf die Renten- und Gesundheitsversorgung in allen Ländern wurden heftig kritisiert und alternative Wirtschaftsmodelle für Europa und für die Europäische Zentralbank vorgelegt.

Ihr hört heute Interviews zum ESF von einer Nürnbergerin, die dabei war, einem Mitglied des Organisationskommitees, einem Mitarbeiter der Gruppe 3. Welt Saar und ein Bericht unserer Redakteurin Maike Dimar zu den Repressalien gegen Demonstranten bei EU-Gipfeln.

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Audiobeiträge

Ingrid aus Nürnberg war zum Forum angereist. Sie erzählt von den von ihr besuchten Veranstaltungen und ihren Eindrücken. Mit ihr sprach Wally Geyermann

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