Magazin - 26.11.2003
Litauen
Ein Überblick

Geschichte

Litauen wird 1009 zum ersten Mal erwähnt. In der Schlacht von Tannenberg (1410) erleidet der Deutsche Ritterorden, der die Herrschaft anstrebt, durch das gemeinsame litauisch-polnische Heer eine vernichtende Niederlage. Bei den drei Polnischen Teilungen (1772, 1793 und 1795) zwischen Österreich, Preußen und Russland fällt das litauische Gebiet nach und nach an Russland. 1905 lässt die russische Regierung einen litauischen Landtag zu. Auch in das russische Parlament (Duma) dürfen Vertreter entsandt werden. Am 16. Februar 1918 erklärt Litauen seine Unabhängigkeit, die 1920 von Sowjetrussland anerkannt wird. Als Folge des Hitler-Stalin-Paktes besetzen sowjetische Truppen 1940 das Land: Litauen wird Litauische Sozialistische Sowjetrepublik. In den späten 80er Jahren entsteht die "Bewegung für die Perestrojka" (Sajudis), die für Demokratie und nationale Autonomie eintritt. Seit dem 11.März 1990 ist Litauen wieder unabhängig.

Knapp 3,5 Millionen EinwohnerInnen zählt Litauen. Darunter natürlich ein Großteil an 83,5% Litauern, aber auch PolenInnen, Russen, Weißrussen, Ukrainer und Deutsche sind vertreten .

Die Staatsform ist eine Parlamentarische Demokratie. Staatsoberhaupt seit Januar 2003 ist Rolandas Paksas von der Liberalen Union. Regierungschef seit 2001 ist Algirdas Brazauskas von der Sozialdemokratischen Koalition. Ende der achtziger Jahre erster Mann der Kommunistischen Partei Litauens, dann erster gewählter Präsident des unabhängigen Landes und - nach einer kurzen Pause nun Litauens Ministerpräsident.

Wirtschaft

Der Handel Litauens ist stark mit Osteuropa verflochten. Russland versorgt Litauen mit Energie und Rohstoffen und ist Abnehmer für Textilien und Lebensmittel. Doch auch Großbritannien, Lettland und Deutschland sind bereits größere Exportmärkte.

Energie ist Litauens wichtigste Handelsware, umsatzstärkstes Unternehmen dabei die Raffinerie Mazeikiai. Sie ist teils in Staatsbesitz, teils - in Händen der russischen Yukos. Zudem exportiert Litauen weiter Atomstrom aus der Anlage Ignalina, deren beide Reaktoren aber auf Druck der EU aus Sicherheitsgründen 2005 und 2009 geschlossen werden sollen. Der Reaktor aus der Sowjetzeit besitzt keine Ummantelung und somit keinen ausreichenden Schutz.

Ignalina ist heikles Thema. Lange wehrte sich die litauische Politik gegen die Schließung Ignalinas. Das Kernkraftwerk decke schließlich 80% des landeseigenen Strombedarfs ab. Außerdem erhält Litauen durch Exporte an seine Nachbarn wichtige Einnahmen. Und das Kernkraftwerk ist der Motor einer ganzen Region. In der Stadt Visaginas im äußersten Nordosten des Landes leben 30.000, zumeist russischsprachige Menschen. Sie kamen während der Sowjetzeit nach Litauen, um im Kraftwerk zu arbeiten. Schließt es, dann stürbe die Stadt, und die Einwohner Innen blieben ohne Perspektive zurück: Zwar bekamen sie - im Gegensatz zu den RussInnen in Estland und Lettland - mit der Unabhängigkeit des Landes sogleich einen litauischen Pass zuerkannt. Doch Die meisten hier sprechen auch im Jahre 13 nach der Unabhängigkeit kein Litauisch und haben so auf dem nationalen Arbeitsmarkt keine Chance.

Erst als die EU die Abschaltung der beiden Reaktoren von Ignalina zu einer Bedingung für den Beitritt Litauens machte wurde zähneknirschend zugestimmt.

Ausländische Investoren sind längst in den litauischen Energiemarkt eingestiegen. Der litauische Staat plant seine noch mehrheitlich von öffentlicher Hand geführten Stromverteilungsnetze weiter zu privatisieren. Rund 20% der Unternehmen gehören bereits dem deutschen Stromkonzern Eon und dessen Tochter Ruhrgas.

Grundsätzlich haben aber viele LitauerInnen Angst vor einem Ausverkauf an kapitalstarke Ausländische Firmen. Zumindest für Landkäufe sollte dieser Angst Abhilfe geschaffen werden und eine siebenjährige Übergangsfrist für Landkäufe wurde formuliert.

Lebensqualität

Die Durchschnittsgehälter in Litauen sind niedrig. Ein Durchschnittslohn liegt bei etwa 1.000 Litas, umgerechnet 350 Euro, im Monat. Bei einem Preisniveau, das nicht mehr weit unter europäischem Standard liegt, entsteht viel Armut. Das Gefälle zwischen Stadt und Land ist dramatisch. Litauen war in Sowjetzeiten ein Agrarland. Doch nur noch 16% der LitauerInnen sind noch in dem Sektor beschäftigt, der durch den EU-Beitritt einer harten Konkurrenz ausgesetzt wird. Viele Kleinbauern sehen kaum eine Überlebenschance.

Die Jungen gehen alle in die Städte - vor allem in die Hauptstadt Vilnius. Zwanzig- bis Dreißigjährige sind auf dem Lande kaum zu sehen und so drohen Ganze Gegenden Litauens zu vergreisen:

Zwar wurden die Kolchosen nach der Unabhängigkeit Litauens aufgelöst und an die Menschen verteilt. Allerdings fehlt vielen das Geld, das Land zu bewirtschaften. Auch die EU bietet diesbezüglich wenig Hoffnung. Alle Agrar- und Strukturhilfen basieren auf dem Prinzip der Kofinanzierung. Mit anderen Worten: Beantragt man Zuschüsse, so kommt man um einen finanziellen Eigenanteil nicht herum. Für die Menschen in Litauen ist das eine Utopie.

Soziales

Kestutis Petrauskis, ist Journalist, einer der sich zunächst als kritische Stimme einen Namen machte und heute an der Spitze des staatlichen litauischen Rundfunks steht. Litauen sagt Petrauskis Liatuen ist ein Land der Kontraste,. Und ein Land, in dem derzeit der Turbokapitalismus regiert: Er erzählt:

Das Land ist wirklich in einer sehr schnellen Entwicklung. Wir haben momentan die größten Wachstumsraten in Europa. Wir haben im ersten Quartal plus 9,5% erzielt, im zweiten Quartal mehr als 7%.

Doch es gibt eben nicht nur Gewinner dieser Entwicklung. Vor allem die Alten und die Menschen auf dem Lande fallen der Dynamik des Wandels zum Opfer:

Nach den Jahren der russischen Herrschaft und nach den Jahren des Kommunismus will keiner hier im Lande, oder sehr wenige wieder Egalität haben. Die Gesellschaft ist eigentlich gespalten. Die Jungen, die sehr erfolgreich sind, wollen nicht mehr auf die Alten aufpassen. Die Menschen, die in den Großstädten leben, wollen nicht die Probleme von Menschen sehen, die irgendwo in den Agrargebieten leben. Ich würde ganz vereinfachen: Die Leute wollen reicher werden. Und das ist dieser Motor, der uns treibt, immer wieder etwas Neues zu machen, was Besseres zu machen, besser leben, besser verdienen.

Es gab vor ein paar Jahren die Rede über die progressive Steuer. Und man wollte die progressive Steuer einführen, um eben Gleichheit zu erzielen. Aber sogar die Sozialdemokraten, die linken Parteien, haben das sofort abgelehnt und haben gesagt: Nein, das geht nicht, denn das ist ein Stopp für die Entwicklung - die Menschen, die besser arbeiten, die mehr arbeiten, müssen auch mehr verdienen. Und es wird noch, ich denke sicher eine Generation dauern, bis die Diskussion über die Gleichheit wieder in Gang kommt.

Bildung und Wissenschaft

"Es gibt kein Land des Ostblocks, in dem man mit so viel Optimismus und Risikobereitschaft aus der Wissenschaft heraus kleine Firmen gegründet hat" heißt es aus der wissenschaftlichen Ecke über Litauen und gebannt wird auf die Truppe um Professor Algis Piskarskas aus Vilnius geschaut. Sie gehört Im Bereich der Laserphysik zur Weltspitze und ihre innovationen sind Meilensteine in der Anwendung von Lasertechnik bei der medizinischen Tumorbekämpfung.

Dem wissenschaftlichen Nachwuchs in Litauen wird es aber nicht leicht gemacht in solche Fußstapfen zu treten. Die aktuelle Situation in Litauen ermöglicht ein Studium nur durch große Anstrengungen:

Ein Studium kostet in Litauen im Jahr durchschnittlich 1.000 bis 1.300 Euro. Hochgerechnet auf die 4 Jahre Studienzeit ergibt das etwa 5.000 Euro und das Durchschnittseinkommen liegt wie gesagt nur bei ca. 350 Euro. Studieren können also nur Leute aus sozial privilegierten Familien oder StudentInnen, die hart nebenher arbeiten.

Ugne Naujokaityte ist engagiert bei der Litauischen Studierendenvertretung LSS.
Sie erzählt:

Es war gar nicht leicht sich als Studierendenvertretung Gehör zu verschaffen. Wir mussten schon ein ganze Menge Einfluss nehmen, damit es den Hochschulen nach Inkrafttreten des neue Hochschulrahmengesetzes nicht schlecht geht. Hinzu kommt, dass wir Probleme mit der Qualitätssicherung haben. Viele Professoren stammen noch aus Sowjet-Zeiten und sehen sich als Chef auf dem Campus, nur weil sie einen Titel tragen. Sie leisten keine gute Arbeit, natürlich nicht alle! Aber es gibt solche Fälle.

Trotzdem, sagt sie, führe das nicht dazu, dass die Studierenden das Wort erheben, dass liege auch an der Mentalität. Das Verhältnis zu den Hochschullehrern bleibe unpersönlich.

Studierende sind heutzutage offener als früher und ich glaube, das verstehen nicht alle Hochschullehrer. Sie wollen lieber Distanz wahren und deshalb ist es schwer mit ihnen guten Kontakt zu haben. Sie schauen irgendwie auf einen herab. Viele Studierende scheuen deshalb, ihre Meinung zu sagen. Denn die Praxis zeigt, wer seine Meinung sagt, etwas was dem Professor vielleicht nicht gefällt, der riskiert schlechte Noten zu bekommen.

Unser Problem ist, wie gesagt, die Qualitätssicherung im Studium. Und die Finanzmittel, die ausgegeben werden, um die Studierenden für den Arbeitsmarkt in der EU vorzubereiten, sind nicht üppig. Die Regierung müsste mehr dafür ausgeben. Wir glauben, dass einige unserer Bachelor und Master nicht konkurrenzfähig sein werden.

Soweit Naujokaityte von der Litauischen Studierendenvertretung.

Sport

Sport Nummer Eins in Litauen ist Basketball. Alle sind am dribbeln und Körbe werfen und die Litauische Nationalmannschaft in Basketball ist der reinste Überflieger. So zogen sie auch bei der letzten Basketball-Europameisterschaft Ins Finale und gewannen. Seither steckt Litauen noch mehr im Basketball Fieber.

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