Schwerpunkt - 28.01.2004
Die Reise nach Kaliningrad
Kaliningrad - von der Exklave Russlands zur Enklave der EU
oder
No more Klopse

Die Potsdamer Konferenz im August 1945 schuf die Grundlage dafür, den Nordteil der deutschen Exklave Ostpreußen der UdSSR anzugliedern während der südliche Teil an Polen übergeben wurde. Der militärischer Sonderbezirk Königsberg wurde im April 1946 zur Oblast im Verband der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik und bekam den Namen Kaliningrad, nach des verstorbenen Staatspräsidenten der UdSSR, Michail Kalinin.

Die mit dem Vertrag von Versailles 1919 geschaffene deutsche Exklave Ostpreußen gab es nicht mehr. Mit ihr war jene Problematik beseitigt, die als berechneter Vorwand für den Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen gedient hatte. Zugleich war mit der Oblast Kaliningrad eine neue Exklave geschaffen worden, jetzt eine der Russischen SFSR. Da es sich dabei aber zunächst nur um eine Frage von innersowjetischen Verwaltungsgrenzen handelte, kam dieser Tatsache wenig Bedeutung, schon gar keine internationale, zu. Das änderte sich erst 45 Jahre später, nämlich 1991 mit der Auflösung der Sowjetunion.

Mit der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Litauens wurde neben der Grenze zu Polen auch die zweite Landgrenze der Kaliningrader Oblast zu einer internationalen
Grenze. Erst seit 1991 ist Kaliningrad mit der Tatsache seiner Existenz als Exklave
strukturwirksam konfrontiert. Rund 400 Kilometer trennen sie vom Hauptland. Da auch Weißrussland und Lettland (wieder) unabhängig wurden, führen alle Landverbindungen durch mindestens zwei selbständige Staaten (Litauen und Lettland oder Weißrussland, Polen und Weißrussland oder die Ukraine).

Das relativ kleine Gebiet Kaliningrad, das mit 15.100 qkm etwa so groß wie Schleswig-Holstein ist und nicht einmal eine Million EinwohnerInnen zählt, ist schon allein ökonomisch auf den reibungslosen Austausch mit dem russischen Hauptland und seinen Nachbarn angewiesen. Rund 80% der Lebensmittel und nahezu der gesamte Energiebedarf müssen eingeführt werden. Der Warenaustausch mit dem russischen Hauptland ist jedoch durch die größere Transportentfernung, besondere Transitgebühren, Sicherheitsleistungen und bürokratischen Aufwand der Grenzabfertigungen Kosten behindert. Der Handel mit den Nachbarn erfordert Devisen und internationale Konkurrenzfähigkeit; an beidem mangelt es. Erschwerend kommt hinzu, dass die Oblast, die bis 1991 für AusländerInnen gesperrt und für SowjetbürgerInnen nur eingeschränkt zugänglich war. Am Beispiel Kaliningrad wird das Dilemma, vor dem die europäische Integration mit der geplanten Erweiterung der EU steht, augenfällig: Je größer sie wird, um so deutlicher wird der Integrationsbruch an ihren Außengrenzen.

Die EU hat das Problem der Isolation Kaliningrads lange nicht gesehen und behandelt. oder Kaliningrad als ausschließliche Angelegenheit Russlands betrachtet. Erst im Jahr 2000 beschloss der Europäische Rat das "Aktionsprogramm für die Nördliche Dimension " in dem Kaliningrad als zu lösendes Problem enthalten war. Ausschlag dafür waren die Forderung Schwedens und des Ostseerates aufzuwachen. Im November 2002 wurde von Russland und der EUein Kaliningrad Transit Kompromiss geschlossen. Der kleinste gemeinsame Nenner in dem Konflikt zwischen dem Interesse Russlands, den problemlosen Transit aufrecht zu erhalten und dem Ziel der EU nach einem Schengenener Abschottung an der Ost-Außengrenzen. Zufrieden ist damit keiner wirklich.

Wir - die Europakanal Redaktion und eine Fotografin - wollen uns das selber anschauen und die Leute kennen lernen, die dort leben. Nach etlichen Vorbereitungen wie Russisch- und Kyrillisch-Übungen, Visa Beschaffung und mannigfaltiger Lektüre geht es am 8. Januar ab nach Kaliningrad mit Flug über Warschau.

Als wir vor Kaliningrad wieder unter der Wolkendecke fliegen, sieht es schon kalt und trüb aus. Die Landung geht ganz schön schnell, aber nach dem Aussteigen stehen wir ein wenig hilflos auf dem Flugfeld rum – wo ist wohl das Flughafengebäude? Zoll, Visum, Kontrollen – all das? Oh, es ist der kleine Schuppen dort drüben, von Warschau und Frankfurt kommend, wirkt das schon mehr wie ein Spielzeug. Ein Militärhubschrauber ist weit und breit das einzig andere fliegbare Objekt. Wir gehen durch die alte Holztür ins Flughafengebäude.

Gleich bei Ankunft in unserem schnuckeligen Hotel Patriot, das noch keinen Westtouristen gesehen hat, lernen wir vor dem Aufzug Alexander aus Nowosibirsk kennen, der jetzt in Fulda lebt und seinen Zahnarzt in Kaliningrad für eine Generalüberholung aufgesucht hat. Er hilft uns an der Rezeption weiter und gibt uns eine kurze Einführung in die Umgebung, z.B. die Haltestellen der öffentlichen Verkehrsmittel – obwohl Alexander nie verstehen wird, woher wir den Mut nehmen diese zu benutzen. Wir brechen noch ins Kaliningrader Nachtleben auf. Auf dem „Platz des Sieges“ lernen wir Sergej den Matrosen und seine Familie kennen und begehen unter der Leninstatue und dem aufblasbaren Weihnachtsmann eine verlängerte Weihnachtsfeier mit Picknick und viel Wodka. Sergej meint, die Kaliningrader seien jetzt nur wegen der Weihnachtsstimmung so freundlich. Ansonsten liefen sie ganz vergrämt und verbittert herum. Ich mag ihm das nicht so recht glauben und trinke mit den Frauen der Sippe auf die russische Seele.

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