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Die Potsdamer Konferenz im August 1945 schuf die Grundlage dafür,
den Nordteil der deutschen Exklave Ostpreußen der UdSSR anzugliedern
während der südliche Teil an Polen übergeben wurde.
Der militärischer Sonderbezirk Königsberg wurde im April
1946 zur Oblast im Verband der Russischen Sozialistischen Föderativen
Sowjetrepublik und bekam den Namen Kaliningrad, nach des verstorbenen
Staatspräsidenten der UdSSR, Michail Kalinin.
Die mit dem Vertrag von Versailles 1919 geschaffene deutsche Exklave
Ostpreußen gab es nicht mehr. Mit ihr war jene Problematik
beseitigt, die als berechneter Vorwand für den Überfall
der deutschen Wehrmacht auf Polen gedient hatte. Zugleich war mit
der Oblast Kaliningrad eine neue Exklave geschaffen worden, jetzt
eine der Russischen SFSR. Da es sich dabei aber zunächst nur
um eine Frage von innersowjetischen Verwaltungsgrenzen handelte,
kam dieser Tatsache wenig Bedeutung, schon gar keine internationale,
zu. Das änderte sich erst 45 Jahre später, nämlich
1991 mit der Auflösung der Sowjetunion.
Mit der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Litauens wurde
neben der Grenze zu Polen auch die zweite Landgrenze der Kaliningrader
Oblast zu einer internationalen
Grenze. Erst seit 1991 ist Kaliningrad mit der Tatsache seiner Existenz
als Exklave
strukturwirksam konfrontiert. Rund 400 Kilometer trennen sie vom
Hauptland. Da auch Weißrussland und Lettland (wieder) unabhängig
wurden, führen alle Landverbindungen durch mindestens zwei
selbständige Staaten (Litauen und Lettland oder Weißrussland,
Polen und Weißrussland oder die Ukraine).
Das relativ kleine Gebiet Kaliningrad, das mit 15.100 qkm etwa so
groß wie Schleswig-Holstein ist und nicht einmal eine Million
EinwohnerInnen zählt, ist schon allein ökonomisch auf
den reibungslosen Austausch mit dem russischen Hauptland und seinen
Nachbarn angewiesen. Rund 80% der Lebensmittel und nahezu der gesamte
Energiebedarf müssen eingeführt werden. Der Warenaustausch
mit dem russischen Hauptland ist jedoch durch die größere
Transportentfernung, besondere Transitgebühren, Sicherheitsleistungen
und bürokratischen Aufwand der Grenzabfertigungen Kosten behindert.
Der Handel mit den Nachbarn erfordert Devisen und internationale
Konkurrenzfähigkeit; an beidem mangelt es. Erschwerend kommt
hinzu, dass die Oblast, die bis 1991 für AusländerInnen
gesperrt und für SowjetbürgerInnen nur eingeschränkt
zugänglich war. Am Beispiel Kaliningrad wird das Dilemma, vor
dem die europäische Integration mit der geplanten Erweiterung
der EU steht, augenfällig: Je größer sie wird, um
so deutlicher wird der Integrationsbruch an ihren Außengrenzen.
Die EU hat das Problem der Isolation Kaliningrads lange nicht gesehen
und behandelt. oder Kaliningrad als ausschließliche Angelegenheit
Russlands betrachtet. Erst im Jahr 2000 beschloss der Europäische
Rat das "Aktionsprogramm für die Nördliche Dimension
" in dem Kaliningrad als zu lösendes Problem enthalten
war. Ausschlag dafür waren die Forderung Schwedens und des
Ostseerates aufzuwachen. Im November 2002 wurde von Russland und
der EUein Kaliningrad Transit Kompromiss geschlossen. Der kleinste
gemeinsame Nenner in dem Konflikt zwischen dem Interesse Russlands,
den problemlosen Transit aufrecht zu erhalten und dem Ziel der EU
nach einem Schengenener Abschottung an der Ost-Außengrenzen.
Zufrieden ist damit keiner wirklich.
Wir - die Europakanal Redaktion und eine Fotografin - wollen uns
das selber anschauen und die Leute kennen lernen, die dort leben.
Nach etlichen Vorbereitungen wie Russisch- und Kyrillisch-Übungen,
Visa Beschaffung und mannigfaltiger Lektüre geht es am 8. Januar
ab nach Kaliningrad mit Flug über Warschau.
Als wir vor Kaliningrad wieder unter der Wolkendecke fliegen, sieht
es schon kalt und trüb aus. Die Landung geht ganz schön
schnell, aber nach dem Aussteigen stehen wir ein wenig hilflos auf
dem Flugfeld rum wo ist wohl das Flughafengebäude? Zoll,
Visum, Kontrollen all das? Oh, es ist der kleine Schuppen
dort drüben, von Warschau und Frankfurt kommend, wirkt das
schon mehr wie ein Spielzeug. Ein Militärhubschrauber ist weit
und breit das einzig andere fliegbare Objekt. Wir gehen durch die
alte Holztür ins Flughafengebäude.
Gleich bei Ankunft in unserem schnuckeligen Hotel Patriot, das
noch keinen Westtouristen gesehen hat, lernen wir vor dem Aufzug
Alexander aus Nowosibirsk kennen, der jetzt in Fulda lebt und seinen
Zahnarzt in Kaliningrad für eine Generalüberholung aufgesucht
hat. Er hilft uns an der Rezeption weiter und gibt uns eine kurze
Einführung in die Umgebung, z.B. die Haltestellen der öffentlichen
Verkehrsmittel obwohl Alexander nie verstehen wird, woher
wir den Mut nehmen diese zu benutzen. Wir brechen noch ins Kaliningrader
Nachtleben auf. Auf dem Platz des Sieges lernen wir
Sergej den Matrosen und seine Familie kennen und begehen unter der
Leninstatue und dem aufblasbaren Weihnachtsmann eine verlängerte
Weihnachtsfeier mit Picknick und viel Wodka. Sergej meint, die Kaliningrader
seien jetzt nur wegen der Weihnachtsstimmung so freundlich. Ansonsten
liefen sie ganz vergrämt und verbittert herum. Ich mag ihm
das nicht so recht glauben und trinke mit den Frauen der Sippe auf
die russische Seele.
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