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Nirgendwo in den zehn Kandidatenländern wurde so erbittert
um den Beitritt zur Europäischen Union gerungen wie auf Malta.
Nirgendwo sonst mobilisierte dieses Thema die Öffentlichkeit
so sehr wie dort. Bis zuletzt war offen, wie das Referendum am 8.
März 2003 ausgehen würde, Das Ergebnis fiel denkbar knapp
aus: 53,6 Prozent der Bevölkerung votierten für den Beitritt.
Geschichte
Wegen seiner geopolitischen Schlüssellage zwischen Europa
und Afrika, zwischen Christentum und Islam war Malta schon immer
ein Spielball der Mächtigen gewesen. Bereits im Mittelalter
wird Malta zur Festungsinsel ausgebaut, und im 17.Jahrhundert gibt
es kaum eine europäische Stadt, die so gut befestigt ist wie
die maltesische Hauptstadt Valletta, allerdings schon längst
davor mit wechselnder Besatzung. Zunächst kamen Griechen und
Phönizier. Dann Römer, Araber, Normannen. Später
die Spanier, die Kreuzritter, die Franzosen und: die Engländer
und diese blieben 164 Jahre als Kolonialmacht auf Malta. Erst seit
1964 ist die Insel unabhängig, bleibt aber Mitglied des Commonwealth.
1974 erklärt sich Malta zur Republik. Das letzte Schiff der
Royal Navy verlässt 1979 den strategisch so wichtigen Mittelmeerhafen
von Valetta. Seit 1987 ist das Prinzip der militärischen Neutralität
in der maltesischen Verfassung festgeschrieben.
Diskussionen um den EU-Beitritt, politischer Hintergrund
Maltas Linke nahm in ihrer Anti-EU-Kampagne neben Befürchtungen
wie Anstieg der Lebenshaltungskosten und Verlust an Arbeitsplätzen
auch Bezug auf die jahrhundertelange Besatzung Maltas, auf Fremdherrschaft
und Kolonialzeit.
Warum die so spät erworbene Freiheit wieder aufgeben? Warum
sich als EU-Mitglied künftig dem Diktat Brüssels beugen?
Schon 1996 hatte Maltas Labour Party so argumentiert und den ersten
Beitrittsantrag eingefroren. 1998 verlor sie die Parlamentswahlen
- und Adami, Chef der Nationalpartei und bis heute Maltas Ministerpräsident,
erneuerte den Beitrittsantrag umgehend.
Malta ist gerade einmal 316 Quadratkilometer groß, so groß
wie München und hat knapp 400.000 EinwohnerInnen. Malta wird
das kleinste Land der Europäischen Union sein und das am dichtest
besiedelte. Von Malta aus sind es 500 Kilometer bis nach Tunis und
2.000 Kilometer nach Brüssel.
Seit 1966 hat Malta faktisch ein Zweiparteiensystem. Alle 65 Sitze
im Parlament werden von den beiden großen Parteien eingenommen.
Der konservativen Nationalpartei, die mit 35 Sitzen derzeit die
Regierung stellt und der sozialistischen Labour Party.
Dazwischen eine hoch politisierte Öffentlichkeit, die sich
dem Machtkampf zwischen den beiden Parteien kaum entziehen kann.
Die Wahlbeteiligung liegt in Malta nicht selten bei 98 Prozent.
In diesem politischen Kräftefeld blieben politische Mitbewerber
bis heute auf der Strecke - für eine dritte oder gar vierte
politische Kraft war bislang kein Platz, obwohl auch eine Grüne
und eine Kommunistische Partei durchaus existieren.
Weil Malta so klein ist, sind die beiden politischen Parteien so
gut organisiert, dass sie in jeder Stadt und in jedem Dorf auf Malta
ihre eigenen Clubs und Büros haben. Sie kennen jedes Haus und
jede Straße, sie kennen die politische Stimmungslage. Sie
haben zwei Radio- und zwei Fernsehstationen, eine Unzahl von Zeitungen,
und sie dominieren die Medien ohne viel Hehl daraus zu machen. Kleine
Gruppen der Zivilgesellschaft oder Leute mit unabhängigen Ansichten
tun sich schwer, sich auf Malta Gehör zu verschaffen.
Es gibt nur einen kleinen politischen Freiraum in den Medien, der
nicht von den beiden großen Parteien beherrscht, kontrolliert
oder manipuliert würde, erzählte
Joseph Muscat, Redakteur beim Online-Dienst des Malta Star dem Deutschlandradio
für eine Reportage. Die Tageszeitung gehört der Arbeiterpartei,
für die Joseph auch noch als Sekretär für Erziehungsfragen
zuständig ist. Er hat die erhitzte Debatte um den EU-Beitritt
als die dritte große Spaltung des Landes erlebt.
Er erzählt:
"Der erste Bruch hat schon in den sechziger Jahren stattgefunden
und Familien entzweit. Mein Vater war ein Labour-Mann, die Eltern
meiner Mutter waren Anhänger der Nationalpartei. Damals kam
es zu einer religiös motivierten politischen Auseinandersetzung,
unter der meine Familie sehr litt. Die Katholische Kirche hatte
erklärt, sie werde alle Labour-Wähler exkommunizieren
und zu Sündern erklären. Und 93% der Bevölkerung
waren und sind Katholisch. Bis heute sind auf Malta Ehescheidung
und Abtreibung verboten. Die katholische Kirche ist immer noch einflussreich
- wenn auch lange nicht mehr so mächtig wie früher.
In den siebziger und achtziger Jahren folgte Ministerpräsident
Dom Mintoff. Außenpolitisch erregte er das Misstrauen des
Westens, weil er den Schulterschluss mit Gaddafi suchte und mit
Libyen einen Beistandspakt einging. Innenpolitisch vertrat er seine
Vision vom sozialistischen Arbeiterparadies, was die maltesische
Gesellschaft allerdings sehr spaltete. Die Leute haben diese Spaltung
der Gesellschaft satt, den permanenten Kampf um die politische Macht
und dem einhergehenden Populismus."
Polititsche Herausforderungen in Malta
Die Politik sollte sich um die wirklichen Probleme kümmern,
statt sich im gegenseitigen Gezänk aufzureiben, meinen viele.
Malta hat europaweit die höchste Autorate pro Kopf und steht
deshalb wohl an der Spitze der Asthma- und Allergiestatistik. Kinder
haben dreimal so häufig Krupp-Husten wie noch vor 15 Jahren.
Der Zustand des Trinkwassers ist ebenfalls bedenklich: Das Grundwasser
ist nitratverseucht, von der Landwirtschaft, aber auch durch unser
Abwassersystem.
Vielleicht, denken einige, ist der EU Beitritt die Chance für
Malta. Jetzt müssen die Parteien den Kopf heben und nach außen
agieren und von ihrem inneren Zerwürfnissen Abstand nehmen,
wenn sie effektiv arbeiten wollen.
Einige Reformen sind schon angekurbelt worden - allerdings welche
zum Leidwesen der Bevölkerung. Stichwort Sozialabbau - denn
Malta muss um im EU Reigen mithalten zu können, massiv Subventionen
zurückfahren, so die Regierung. Zum Beispiel die bis dato für
die Bevölkerung freie Gesundheitsfürsorge, auch die Renten
werden zur Zeit einer Überprüfung unterzogen. Es gibt
Bestrebungen, ein neues Gesetz einzubringen, mit dem Ziel, den Öffentlichen
Dienst zu reduzieren und ebenfalls zu privatisieren.
Ungeachtet des Widerstands der Gewerkschaften wurden bereits der
Flughafen und die Post teilprivatisiert und ging in österreichische
bzw. neuseeländische Hände. Und die Privatisierung des
Freihafens, des zweitgrößten Container-Umschlagplatzes
im Mittelmeer, wird ebenfalls in die Wege geleitet.
Maltas wirtschaftliche Zukunft
Malta sieht seine Zukunft im Dienstleistungssektor. V.a. beim
Tourismus, denn aktuell reisen 1,2 Mio UrlauberInnen auf die Insel,
außerdem im Finanzsektor, bei Computern und im IT-Bereich.
Die Hinterlassenschaft der Briten, der Grand Harbour von Valletta,
ist heute einer der Problemfälle für Maltas Strukturwandel.
Die staatseigenen Betriebe und zugleich größten Arbeitgeber
des Landes, die Schiffswerft "Malta Shipbuilding" und
die Schiffsreparaturwerkstatt "Malta Drydocks", konnten
bisher nur durch hohe Subventionen am Leben gehalten werden.
Für ausländische Investoren ist Malta attraktiv, denn
einige fallen noch unter die alten Off-Shore-Bedingungen , zahlen
also wir für zehn Jahre keine Steuern und importieren die Rohwaren
zoll- und mehrwertsteuer-frei unter der Auflage, dass alles wieder
exportiert wird.
Das neue Wirtschaftsförderungsgesetz von 2001 ist zwar nicht
mehr so vorteilhaft, garantiert aber immer noch reduzierte Steuersätze,
Steuergutschriften oder günstige Darlehensbedingungen.
Und Verhandlungen gehen auf Malta immer sehr schnell, da kaum Bürokratie
existiert. Auf jede konkrete Anfrage wird innerhalb von vier Wochen
mit einem letter of intent geantwortet. Generell kann man sechs
bis acht Monate nach Einreichen eines Geschäftsplans mit der
operativen Arbeit beginnen.
Auch die Gesetzentwürfe gehen fix, denn sie werden ausschließlich
von den Ministern eingebracht. Theoretisch besitzen die Parlamentsabgeordneten
zwar auch ein Initiativrecht. Allerdings machen sie in der Praxis
davon keinen Gebrauch. Eine förmliche Abstimmung findet in
der Regel nicht statt. Vielmehr wird angenommen, dass die Abgeordneten
der Regierungspartei für einen Entwurf sind und die VertreterInnen
der Opposition dagegen.
Universität und Sprache
Die Universität von Malta reicht zurück bis ins Jahr
1592 - sie wurde damals als externes Jesuitenkolleg gegründet
und wuchs und wuchs, bis die Franzosen kamen. Napoleon hatte bekanntlich
die Masche, dass er überall dort, wo er hinkam, die Unis schließen
ließ. In Malta währte die Schließung für zwei
Jahre. Die Universität hier ist die älteste im ehemaligen
Commonwealth außerhalb von Großbritannien.
10.000 Studierende und zehn Fakultäten hat sie, die Universität
von Malta. Sie basiert auf der angelsächsischen Tradition,
das gilt für die Inhalte ebenso wie für die Abschlüsse,
also Bachelor und Master etc. , dazu ist sie weitgehend englischsprachig.
Das zieht bis heute die Studierenden aus dem Ausland an, genauer
gesagt aus 80 verschiedenen Ländern.
Und wo bleibt das Maltesische, die Nationalsprache. Maltesisch
ist eine semitische Sprache, die ein wenig dem Arabischen ähnelt,
das in Tunesien gesprochen wird, jedoch verquickt ist mit vielen
englischen, französischen und italienischen Vokabeln.
Die Universität argumentiert, dass Malta schon immer verstärkter
mit anderen Staaten kommunizieren musste. Im Normalfall sprechen
die Leute maltesisch und englisch, Studierende erlernen noch zwei
weitere Sprachen. Das sei schon Automatismus.
Mitten auf dem Campus sitzt das Team des Uniradios Campus FM. Vicky
Spiteri ist Direktorin, Station Manager. Mit ihr gibt es nächste
Woche auf dem Europakanal ein Interview.
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